Nadja Ellen Häger
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Pressestimmen
10.10.07 – Ingolstädter Zeitung
„Schatten und Schnee - Kunstprojekt „Identität“ in der Reithalle“
(…) Was ist Identität? (…) Die Antwort darauf, oder auch nur die Präzisierung der Frage, versuchen derzeit 23 Künstler aus neun europäischen Ländern in der Reithalle im Klenzepark. (…) Bermerkenswert die Exponate Nadja Ellen Hägers, deren Fotoserie von Belgrader Plattenbaufassaden fast konkrete Bilder sind und die dabei doch Leben(sbedingungen) transportieren. (…)


15.02.06 – Esslinger Zeitung
„Tanzende Bauten - Eine Ausstellung über urbane Parallelwelten in der Esslinger
Galerie im Heppächer“
(…) Seit mehreren Jahren sammelt und archiviert die 1971 geborene Nadja Ellen Häger „Fassaden Europas“, bevorzugt in ihren Fotografien die strenge Linienführung von Plattebauten oder Hochhäusern. Sie überführt das architektonische Element Fassade in eine nivellierte Zweidimensionalität und gibt ihm seine metaphorische Bedeutung zurück: Die Fassade ist Trennung und Bindeglied zwischen Innen und Außen, zwischen Privatsphäre und Anonymität, zwischen Ansicht und Einsicht. Die gnadenlose Anonymität versenkt die Bewohner ins Nichts, Vorhänge werden zu Lebenszeichen und geben den ins Unendliche weisenden Fensterfronten Struktur, denn welch‘ Glück, sie sind in ihrer endlosen Reihung dank sich wiederholender Vorhangmuster als nur gebaute Wirklichkeiten verifizierbar. Assoziativ nähert sich der Betrachter Arbeiten wie der Dia-Installation „Ganz privat“ oder der Fotografie „Sie kommt doch“, in der ein Mann mit rotem Pullover als einziges sichtbares Subjekt Ausschau nach einer Unbekannten hält, Irrungen und Wirrrungen manifestieren sich in „directed forgetting“. (…)





06.02.06 – Stuttgarter Zeitung
„Von Isolation und prallem Leben - „Urbane Landschaft“ im Heppächer“
Vernissagen in der Esslinger Galerie im Heppächer gehören gewiss zu den unterhaltsameren Veranstaltungen im Esslinger Kulturleben. (…) Aber nicht nur wegen der Vernissage lohnt sich der Besuch der Galerie im Heppächer. Auch für „Urbane Landschaft“ ist es Susanne Lüdtke wieder gelungen, drei sehr unterschiedliche Künstler zusammenzubringen. (…) Die Fotografin Nadja Ellen Häger bildet in kompromissloser, gesellschaftskritischer Weise Fassaden von Wohnblocks ab. Man kann nur erahnen, in welcher gesellschaftlichen Anonymitiät und Isolation die Menschen dort leben. (…)





19.11.05 – Sindelfinger Zeitung
„Wandelnde Fassaden im Alten Rathaus“
Hinter dem Fachwerk der Galerie der Stadt Sindelfingen im Alten Rathaus Maichingen verbergen sich die Fassaden von mehrstöckigen Wohnanlagen. Nadja Ellen Häger und Marc Dittrich aus Esslingen haben sich mit ihren Arbeiten Gedanken zum Wohnen in urbanen Räumen gemacht. Die Ereignisse in den französischen Vorstädten verleihen der Thematik eine aktuelle Brisanz. Ein bisschen ergeht es den Besuchern der Maichinger Experimentierkunstgalerie wie derzeit auch Harry Potter und seinen Freunden. Die betreten während eines Quidditch-Turniers ihr kleines, von außen als maximal Vierpersonenzelt erscheinendes Lager, drinnen aber verzweigen sich die Räume, an Platz mangelt es nicht. Ähnlich kann es einem nun auch in der Maichinger Galerie ergehen. Auch hier verschieben sich nämlich Größenverhältnisse. (…) Nach Spuren eines realen Lebens sucht der Betrachter bei Nadja Ellen Hägers an die Wand projizierten Großstadtfassaden lange. 19 frontal fotografierte Ansichten hat die Künstlerin aneinander gereiht. Gleichmäßig, im Rhythmus eines nach am Ufer auslaufender Meereswelle klingenden Geräuschs, ziehen sie vorüber. Tatsächlich stammt der wiederkehrende Sound aber von keiner Welle. Viel zu romantisch wäre das in Anbetracht der nach wenig gemütlicher Wohnsituation aussehenden monotonen Fassadenbilder, die sich nur aufgrund erkennbarer Ventilatoren oder anhand von Schriftzügen Standorten in Südeuropa oder deutschen Plattenbaulandschaften zuordnen lassen. Wie Kulissen schieben sie sich Richtung Außenwände und damit - wenn man so will - nach draußen in die Maichinger Stadtlandschaft. Nicht der Mensch ist hier also mobil, es ist die soziale Tristesse, die sich, dem Globalisierungsgedanken folgend, verbreitet hat und zu einem austauschbaren Merkmal anonymen, ja unpersönlichen Seins geworden ist. Individuelle Züge jedenfalls sind hier Mangelware, das Leben aus Nadja Hägers Wohnwelt ausradiert, die Fassaden vielleicht schon Teil verlassener Großstadtsiedlungen, Relikte einer Zeit, die noch Wachstum und Hoffnung auf besseres Leben versprach, nun aber - und da kommen gedanklich die Ereignisse in Frankreich ins Spiel - ein Opfer sich verändernder, vielleicht auch immer ähnlicher werdender Gesellschaften und Kulturen wurden.





18.11.05 – Böblinger Kreiszeitung
„Nachdenken über Vergänglichkeit”
(…) Nadja Ellen Häger, gebürtige Württembergerin, stellt nach zehn Jahren das erste Mal wieder in ihrer Heimat aus. Was sie tut, ist mit einfachen Worten zu beschreiben: Sie fotografiert - und das seit nunmehr zehn Jahren - Häuserfassaden und zwar die Fassaden mehrstöckiger, großer städtischer Häuser, Bürogebäude zumeist, denn den Häusern fehlen Türen und Balkone. Sie verbergen zumeist, was in ihnen vorgeht. Diese Fassaden lässt die Künstlerin in einer Endlosprojektionsschleife am Betrachter vorbeiziehen, ohne Zwischenräume, ohne Kommentar. Nur beim schiebenden Wechsel von einer Fassade auf die nächste gibt es ein schleifendes Geräusch. Hoffnungslose Romantiker, so Marko Schacher, könnten das Geräusch als Meeresrauschen interpretieren. Eine merkwürdige Mischung aus Tristesse und Faszination lösen diese Häuserporträts aus. (…)





26.01.05 – Der Waldviertler (Österreich)
„Alles Fassade“
Krems. „Warum haben Sie nie Farbe an den Händen?“, wird die Künstlerin Nadja Ellen Häger oft gefragt. Ihre Antwort: „Mein Werkzeug ist der Computer“. Die Multimediaprojekte, Dias, Videos und Fotos der Medienkünstlerin haben eines gemeinsam: den manipulierten Blick auf Hausfassaden, uniforme Hochhausarchitektur, die den Betrachter mit grauer Monotonie gegenübertreten. Seit November 2004 arbeitet und wohnt Nadja Ellen Häger in einem der sechs Ateliers der ehemaligen Ebyl-Fabrik in der Steiner Landstraße. (…) Seit 1996 arbeitet sie an ihrem Lebensprojekt, dem Schaffen einer Sammlung von Architekturfotografien aus ganz Europa. „Der Aufenthalt in Krems erweitert meine Arbeit“, erklärt die Künstlerin, die bereits mit hochkarätigen Peisen und Stipendien ausgezeichnet wurde. So entsteht zur Zeit ein Multimediaprojekt, das sich auf Kellergassen bezieht. „Das ist für mich ganz neu“, erklärt Häger, „weil meine vorherige Arbeit immer in einen städtebaulichen Kontext eingebettet war.“ Mit der Darstellung der Kellergassen möchte sie die kulturelle Identität herausarbeiten und mit der Weinkultur verbinden. Die eigentliche Funktion der Kellergassen sei nicht mehr gegeben, schließlich werde dort nicht mehr hauptsächlich gepresst und gelagert, sondern verkostet und zum Heuriger geladen. „Die Kellergassen sind ein gutes Beispiel, dass Kultur nicht nur Tradition ist“, erklärt die Medienkünstlerin, „Kultur ist nichts, was man festhalten kann, sondern etwas, das sich wandelt und verändert“. (…)





16.09.04 – Nürnberger Nachrichten
„Fassaden von Fachwerk und Wohnsilos“
Nicht das einzelne Bild, sondern das Konzept ist die Kunst der 33 Jahre jungen Nürnbergerin Nadja Ellen Häger, die der Coburger Kunstverein für die diesjährige Debütantenausstellung ausgewählt hat. Häger hat sich auf das Fotografieren von Hausfassaden spezialisiert. Mehrere Dutzend „Fassaden Europas“, kleinformatige Schwarzweiß-Dokumentaraufnahmen anonymisierter Wohngebäude, stehen am Anfang einer Schau, in der die Künstlerin ihr seit acht Jahren betriebenes Spiel mit Architektur zusammenfasst, und zugleich am Anfang eines Diskurses über Wahrnehmung. Die stets aus dem selben Winkel wiedergegebenen Häuser illustrieren - abstrakt gesprochen - eine Grenze. Das eigentlich Interessante läge dort, wohin vorzudringen dem Betrachter bewusst verweigert wird. Die Fotografien sollen Spekulationen auslösen. Lässt sich vom Äußeren auf das Innere schließen? Werden dem Fachwerk andere Lebensgeschichten zugeordnet als dem Wohnsilo? Ja, bestätigt „Schweigen“, eine großformatige Hochhausfassade, deren lähmende Monotonie durch Computermontage verstärkt wurde. Kann über den Charakter einer Fassade also tatsächlich auf das Verhalten der Bewohner geschlossen werden? Oder wird hier der Ausstellungsbesucher aufs Glatteis geführt? In Sektion Nummer drei treibt Häger ihr dreistes Verwirrspiel, das Fragen aufwirft, Antworten aber schuldig bleibt, auf die Spitze. „Illusion der Unschuld“, ein trister Plattenbau, ist eine begehbare Rauminstallation. Zwei Projektoren werfen ein riesiges Haus an die Wand. Wer in den Aufbau hinein geht, wird zur Leinwand. Er taucht scheinbar hinter die Fassade ab, bekommt dennoch nichts zu sehen als Spekulationen, die sein Gehirn auf der Suche nach Informationen erzeugen. Das verunsichert, hat Biss und einen hohen philosophischen Reiz. Derzeit lebt Häger im thüringischen Schleusingen, anschließend wird sie ein Arbeitsstipendium im österreichischen Krems antreten. Nicht nur der Coburger Kunstverein hat also erkannt, dass hier ein großes Talent entdeckt werden will.





11.09.04 – Neue Presse, Feuilleton
„Halbdurchlässige Blicke auf Europas Fassaden“
„Gewolltes- Ungewolltes“ heißt der bewusst vage Titel der aktuellen Ausstellung im Coburger Kunstverein. Gewollt ist die Präsentation der jungen Künstlerin Nadja Ellen Häger (Jahrgang 1971), die in den letzten vier Jahren eine mehr oder weniger steile Karriere für sich verbuchen kann. Ungewolltes drängt sich dem Betrachter angesichts der fotografisch dargestellten Sujets in Kombination mit dem Ausstellungsbeginn in die bis dahin heitere Gedankenwelt. (…) In den Fotografien von Nadja Ellen Häger geht es um dem Mikrokosmos Stadt, Stadtteil, Straße, Haus. Die einzelnen Bilder haben keine Titel, sie heißen bewusst minimalsistisch „#073-02-D-L“, was soviel heißt Bild Nr. 73, entstanden im Jahre 2002 im deutschen Leipzig. Der soziale Wohnbau als globales Phänomen der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts findet sich in Leipzig und Athen, in Schwäbisch Hall und in New York. Die Wohnmaschine, mal kleiner, mal monströser, bestimmt das Stadtbild allerorts. Davor die Fassade, egal ob Platte oder sanierter Altbau. Die Spiegelungen in den Fensterscheiben verwehrt den Blick ins Innnere so gut wie ganz, nur Fragmente verraten etwas über die Bewohner hinter der halb durchlässigen Membran. Hinter der Fassade geschieht das individuelle Leben, von der Geburt bis zum Tod. (…) Nadja Ellen Häger spielt mit den Vorstellungen und daneben mit ihren eigenen. In ihrer Welt schwimmen Karpfen hinter den Fensterscheiben einer Häuserwand. Der märchenhafte, surreale Eindruck wird durch ihre Erklärung nüchtern. Der Karpfen sei ähnlich wie der Mensch, sehr anpassungsfähig. Er überlebt im Waschbecken wie im Seerosenteich. Der Mensch überlebt im Schloss wie in der Zweiraumwohnung in Berlin-Marzahn. Neben dem fotografischen Projekt „Fassaden Europas“ welche sich peu à peu seit 1996 im Archiv und Kunstschaffen Nadja Ellen Häger mehren, beschäftigt sich die Künstlerin auch mit Video- und Diaprojektionen, in die der Betrachter durch sein Agieren miteinbezogen wird. Im Vorbeigehen läuft der menschliche Schatten über die Fassade mit ihren Fensterbändern, die Fassade selbst wird auf den Menschen projiziert und damit schließt sich ein weiterer Kreis: Jeder Mensch ist Fassade, mehr oder weniger durchlässsig.(…)





17.05.04 – Nürnberger Zeitung
„Schlüssel zum Glück“
(…) In einer andere Welt konnte auch eintauchen, wer die Dia-Installation von Nadja Ellen Häger im Hof des Herrenschießhauses besichtigte. Die Künstlerin hatte das Renaissance-Gewölbe mit halb transparentem Stoff verhängt und darauf eine moderne Hausfassade projiziert - bei sphärischer Musik verbanden sich für einige Minuten Vergangenheit und Gegenwart.





09.01.04 – Nürnberger Nachrichten
„Manipulierter Blick auf Hausfassaden“
Nadja Ellen Häger fotografiert Hausfassaden, uniforme Hochhausarchitektur, die eher ein Gefühl von Unbewohnbarkeit als von häuslichem Lebensraum vermitteln. Ihre Arbeiten, von denen noch bis zum 11. Januar eine kleine Auswahl in der Nürnberger Kreis-Galerie zu sehen ist, sind einerseits Zeugnisse anonymer Großstadt-Tristesse, anderseits von bestechender optischer Wirkung. Häger, die an der Nürnberger Kunstakademie studierte, überhöht die Monotonie ihrer Motive bis zur bildhaften Struktur. Ihre Fassaden offenbaren sich bei näherer Betrachtung als vervielfältigte Ausschnitte von Architekturoberflächen und werden durch die Entfernung aller perspektivischen Elemente sowie des Hintergrunds zu flächenhaften Mustern. Explizit wird das Prinzip der Wiederholung in einer 98-teiligen Arbeit, die das immer gleiche, leere Fenstermodul zeigt. Erst auf den zweiten Blick erkennt man die digitale Manipulation in einer kleinteiligen Fassadenansicht, deren Gleichförmigkeit nur durch eine einzelne Person unterbrochen wird, die im rotem Pullover hinter einem der Fenster steht. Ihre Einsamkeit unterstreicht noch den Eindruck der Leere. Das es Häger bei allem ästhetischen Reiz, den sie ihren so unspektakulären Alltagsmotiven abgewinnt, durchaus darum geht urbane Lebensräume kritisch zu hinterfragen, macht auch ihr DVD-Filmloop „Homeless at Home“ deutlich. Hinter einer potemkinschen Fensterfront schwimmen Fische im Wasser. Was ein Sinnbild für Freiheit und Unendlichkeit sein könnte, wird hier zur Metapher auf ein Dasein hinter Mauern.





Dez 03 – monats anzeiger
Germanisches Nationalmuseum Nürnberg, Nummer 273
„Spekulationen über abwesend Anwesende“
Nadja Ellen Häger, Absolventin der Nürnberger Kunstakademie und Preisträgerin des „digital new art award“ 2002, sammelt seit 1996 Fassaden aus ganz Europa. Vor Ort werden sie von ihr fotografiert und hinterher am Computer nachbearbeitet, um perspektivische Verkürzungen, Licht- und Schattenspiele sowie andere, die Frontalität beeinträchtigende Elemente zu nivellieren. Im Anschluss erhalten die Bilder eine einheitliche Sepia-Tönung und werden nach Jahr, Land und Stadt inventarisiert. Die digitalen Fotos bilden sozusagen den stets anwachsenden Grundstock für ihre weitere künstlerische Tätigkeit, die in unterschiedlichen Medien wie digitalen Laserbelichtungen auf Fotopapier, Installationen und Kurzfilmen ihren Ausdruck findet. Es reihen sich in ihren eher farbarmen Werken Fenster an Fenster, Mauer an Mauer. Bei längerer Betrachtung jedoch wird das Prinzip der Vervielfältigung beziehungsweise des Klonens einzelner Fassadenausschnitte erkennbar. So entsteht eine „All-over Struktur“, eine auf Rhythmisierung, Rasterung und in die Flächigkeit weisende Bildgestaltung. Aus der Fassade, einem an sich alltäglichen, unspektakulären Motiv, wird nach der Bearbeitung durch die Künstlerin eine kleinteilige, minimalistische Struktur und eine ins Unendliche fortsetzbare Fläche mit beeindruckender ästhetischer Wirkung. Gleichzeitig empfindet der Betrachter aufgrund der monotonen Anordnung der unzähligen Fenster ein beklemmendes Gefühl. Dieses wird durch die Größenverhältnisse der auf Aluplatten aufgezogenen Fotografien (100 x 80 Zentimeter oder 86 x 150 Zentimeter) und der damit einhergehenden Verschiebung der eigenen Wahrnehmungsmuster gesteigert. Anhand von „Homophobie 2“ präsentiert Nadja Ellen Häger dem Betrachter die Fassade eines Hochhauses. Das die Fläche überziehende Muster erhält eine Akzentuierung mittels geöffneter Fenster. Dennoch wird der einheitliche Charakter, das Bild-Ordnungs-System, nicht beeinträchtigt. Die anonyme Beliebigkeit der Fassade lässt keine Rückschlüsse auf die im Innern stattfindenden Vorgänge zu. Anlässlich des Fehlens von Menschen stellt sich eine latente Beklemmung und ein Gefühl der Trostlosigkeit ein. Die Imagination des Betrachters geht jedoch weiter: Hinter den geöffneten Fenstern werden Menschen vermutet, so dass hierin die eigentümliche Spannung von menschenleerem Abbild und vorstellbaren menschlichen Lebensräumen liegt. In „Sie kommt doch“ dagegen steht ein Mann im roten Pullover an einem der Fenster. Trotz des roten Farbakzentes werden weder der einheitliche Bildcharakter noch die Melancholie durch die Anwesenheit einer Person aufgehoben. Im Gegenteil: Die pointierte Einsamkeit des Gezeigten und die scheinbare Inhaltslosigkeit wird durch ein narratives Moment erweitert; das Reale wird mit dem Fiktiven, das Innere mit dem Äußeren verknüpft. Ferner werden durch die (wohl schon lange) am Fenster wartende Figur Aspekte wie Raum und Zeit konkretisiert wie intensiviert. Somit wird ein an sich gewöhnliches Ereignis durch Steigerung und Verfremdung zur optischen Sensation. Die Fotoarbeit „Homeless at Home 2“ zeigt wiederum die monotone, farblose Fassade eines Hochhauses, auf dessen Fensteröffnungen bei genauer Betrachtung kleine Karpfen zu sehen sind. Das gleiche Phänomen behandelt der exakt eine Minute und elf Sekunden dauernde DVD-Filmloop „Homeless at Home 3“. Hinter der fotografischen Fassade schwimmen digital animierte Karpfen durch ein schillerndes Gewässer. Dazu ertönen Laute, die an Walfischgesänge erinnern. Wie in anderen Arbeiten der Künstlerin stellen sich auch hier die Fragen nach dem Leben hinter der Fassade, der artgerechten Haltung, dem menschlich urbanen Lebensraum und der damit verbundenen fragilen Identität. Die Ausstellung „directed forgetting“ ist nach ihren neuesten Werken benannt, in denen hauptsächlich Fassaden ostdeutscher Städte bearbeitet wurden. Den scheinbar widersprüchlichen Titel, absichtliches Vergessen, erklären Psychologen als einen aktiven Prozess, in dem eine kognitive Unterdrückung irrelevanter zugunsten relevanter Informationen geschieht. Nadja Ellen Häger gibt in diesen Arbeiten ihr bisheriges Bild-Ordnungs-System für eine Bewegungsunschärfe auf; die horizontal gliedernden Linien bleiben bestehen, der Rest versinkt in einem nebligen Schleier. Wo zuvor ob der Abwesenheit von Personen hinter jedem Fenster eine Biographie und eine Geschichte vermutet werden konnte, zeigen sich jetzt nur noch Bewegungszüge. Diese gesteigerte Verfremdung des Motivs, einem optischen Relikt der ehemaligen DDR, verweist auf den konkreten Verlust von Geschichte: sei es als gesellschaftliche Reflexionsfolie oder als individuelle und gelebte Faktizität.(…)





04.06.03 – Süddeutsche Zeitung, Kultur LKS
„Fassaden-Sammlerin aus Passion“
Nadja Häger sammelt Fassaden. Alte und moderne, schöne und scheussliche „Fassaden Europas“ nennt die 1971 geborene Künstlerin ihr seit 1996 ständig wachsendes Fotografie-Projekt, mit dem sie die Atmosphären ganz unterschiedliche Gesichter von Häusern und Gebäuden einfängt.(…) In der in der Ausstellung gezeigten Projektion mit doppelt gespiegeltem Dia, ist ein Fenster mit halb heruntergelasser Jalousie und Blumen-Vorhang zu sehen, in dem sich real von links nach rechts lesbar der Schriftzug eines Supermarktes in Portugal spiegelt.(…)





12.11.02 – Frankfurter Allgemeine Zeitung
„Immer zum Aufbruch bereit“
(…) Für das trostlose Gefühl der Heimatlosigkeit hat Nadja Ellen Häger ein überzeugendes Bild gefunden: „Homeless at Home 2“ heißt ihr Digital-Print, der über die ganze Bildfläche die monotone Fassade eines Hochhauses zeigt. Keine Blume, kein geöffnetes Fenster, nicht ein einziger Farbfleck durchbricht das bedrückend graue Einerlei. Erst bei genauerem Hinsehen entdeckt der Betrachter einige winzige dunkle Fische auf Fenstern und Fassade. Sie sollen, so die Künstlerin, ein Synonym für den Prozess der Anpassung an eine neue fremde Heimat und deren Verlust der Identität sein. (…)